PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : ESC-Wertungssysteme



esiststeffen
16.05.2017, 19:31
Dieser Thread soll sich mit der Frage beschäftigen: Was wäre das "ideale" Wertungssystem für den ESC? Wie sollten die Punkte ermittelt und verteilt werden? Wie sollten die Ergebnisse dem Zuschauer präsentiert werden? Was ist an den bislang verwendeten Systemen gut, was verbesserungswürdig?


Zunächst mal: Ich finde das seit 2009 praktizierte Grundprinzip, das Ergebnis zu je 50% über Jurystimmen und Televoting zu ermitteln, erst mal ziemlich sinnvoll und gut. Wenn wir an die 2000er zurückdenken, wo man nach und nach immer stärker auf das Televoting gesetzt hat, dann hatte man oft den Eindruck, dass entweder nur nach nationaler Sympathie gewählt wurde oder aber der ausgefallenste Beitrag von den Zuschauern goutiert wurde – und siehe da, in jenen Jahren gewannen fast ausschließlich ost- und südosteuropäische Länder, unterbrochen von Lordi. Das soll nicht heißen, dass ich zwischen "reines Televoting" und "osteuropäische Dominanz" einen kausalen Zusammenhang herstellen möchte, immerhin sind östliche Länder auch heute noch fast immer weit vorn mit dabei; aber Fakt ist nun mal, dass der ESC seiit 2009 nur noch zwei Mal in den Osten gegangen ist, nach Aserbaidschan und in die Ukraine. Und generell würde ich sagen, dass seitdem in der Regel auch der hochwertigste Beitrag gewonnen hat und nicht nur der ausgefallenste und/oder exotischste. Inwieweit vorher (außer Lordi, bei denen ich mir tatsächlich nicht vorstellen kann, dass sie bei einem 50-%-Juryvoting gewonnen hätten) möglicherweise jemand auf eher unerwartete Weise gewonnen hat, möchte ich nicht beurteilen; aber an irgendwas muss die Rückkehr des Westens ja liegen .... ;)


Nun aber haben wir letztes Jahr die vielleicht radikalste Änderung im Abstimmverfahren seit 1975 erlebt: dass nun nicht mehr jedes Land einmal 12, 10, 8,... Punkte verteilt, sondern zweimal, jeweils nach Jury- und Zuschauerergebnis getrennt. Und naja, ich bin, was dieses Prozedere angeht, auch nach der zweiten Auflage nach wie vor stark im Zwiespalt. Einerseits kann es durchaus seinen Reiz haben, wenn der Sieger bis in die letzten Minuten nicht eindeutig feststeht (was ja im vorherigen System jahrelang eher selten der Fall war) – aber andererseits, gerade das scheinbar endlose Punkteverteilen hatte für mich auch immer seinen ganz eigenen Reiz, dass es für mich sogar immer den eigentlichen Höhepunkt der Show ausmachte. Nachdem nun aus jedem Land nur noch die Jurypunkte eingeblendet und allein das Höchstergebnis verlesen wird, geht das alles so schnell, dass man z.B. kaum noch Zeit hat, selber mitzurechnen, wie viele Punkte z.B. Land X noch bräuchte, um Land Y zu überholen und Platz Z zu erreichen. Und dass dann in den letzten Minuten des Votings einfach eine Menge nichtssagende Zahlen von den Moderatoren runtergerattert werden, die das ganze Scoreboard noch mal komplett durchwürfeln, hat auch irgendwo etwas schon beinahe Gespenstisches. Ich weiß aber auch nicht recht, wie man das ggf. anders gestalten könnte, ohne dass man die Show auf (mindestens) noch eine weitere Stunde ausdehnt .... :gruebel:


Also, gibt es hier irgendwelche Ideen und Vorschläge? Eine gänzliche Abkehr vom Zwölf-Punkte-System (dass für mich eine ebenso große ESC-Tradition darstellt wie der Brauch, den Wettbewerb im letztjährigen Siegerland auszurichten, dass ich mir bis 2016 im Leben nicht hätte vorstellen können, dass die EBU das überhaupt jemals aufweichen würde :gruebel:)? Oder zumindest ein paar geringe Modifikationen, wie z.B. nur noch die Finalisten mit abstimmen zu lassen? Oder was ganz anderes?

bates
16.05.2017, 19:55
Ich mach's mal kurz: Ich finde das neue System voll für'n Arsch. Es zerstört den eigentlichen Reiz der Punktevergabe und damit die Hauptattraktion des ESC. Die Begründung hat Niggemeier letztes Jahr schon geschrieben, das kann ich Wort für Wort unterschreiben:


Aber ich glaube, dass die Punktevergabe und ihre bizarre, umständliche, ausufernde Art der Verkündung ein entscheidender Bestandteil dieser Show sind. Ohne sie hätte der Grand-Prix nicht all diese Jahrzehnte überlebt, wäre nicht in dem Maße zum „Kult“ geworden. (Woran soll es sonst liegen? An der Qualität der Musik?)

Zu diesem Ritual gehörte nicht nur das faszinierte Zusehen, wenn in die verschiedenen Länder geschaltet wurde, mit all den Pannen und Peinlichkeiten und der detaillierten Durchsage der Punkte. Dazu gehörte vor allem auch die teils mit heiligem Ernst geführte Diskussion über das, was diese Punkte über das Verhältnis der Nationen untereinander aussagte.

Wesentliches Element der ESC-Folklore sind diese (oft völlig übertriebenen) Debatten darüber, ob „uns“ keiner mag, ob es eine „Ostblock-Mafia“ gibt und ob Skandinavier schon deshalb unschlagbar sind, weil sie sich untereinander die Höchstpunktzahlen zuschubsen. Die Feindschaft zwischen den Juroren aus Österreich und Deutschland, die dem jeweils anderen Land ewig keinen Punkt geben wollten, ist legendär.

All das sorgte für Gesprächsstoff vor dem Fernseher, für Spannung und für Entsetzen oder Jubel, wenn ein Teilnehmer, der bislang überall abgeräumt hatte, von einem Land plötzlich nur einen Punkt bekam. In diese Dramaturgie hat die Eurovision schon vor ein paar Jahren eingegriffen, als sie – aufgrund der gewachsenen Teilnehmerzahl – nur noch die Punkte 8, 10 und 12 vorlesen ließ. Mit dem neuen System, das gestern erstmals eingesetzt wurde, hat sie diese Zeremonie vollends ruiniert.

Sowohl die Zähllogik als auch der Ablauf sind auf ein einziges Ziel hin geändert worden: Spannung aufrechtzuerhalten. Diese Spannung ist aber völlig abgekoppelt von interessanten einzelnen Beobachtungen oder Wertungen. Spannung bedeutet einzig und allein: Bis zur letzten Minute soll offen sein, wer gewinnt.

Es ist das gleiche Prinzip von Spannung, das deutsche Fernsehsender glauben lässt, dass eine Castingshow aufregender wird, wenn die Bekanntgabe der Entscheidung endlos hinausgezögert wird.

http://uebermedien.de/4752/die-neue-punktevergabe-ruiniert-den-eurovision-song-contest/

esiststeffen
17.05.2017, 05:49
Ich mach's mal kurz: Ich finde das neue System voll für'n Arsch. Es zerstört den eigentlichen Reiz der Punktevergabe und damit die Hauptattraktion des ESC. Die Begründung hat Niggemeier letztes Jahr schon geschrieben, das kann ich Wort für Wort unterschreiben:



http://uebermedien.de/4752/die-neue-punktevergabe-ruiniert-den-eurovision-song-contest/

Ja, natürlich erinnere ich mich an diesen Artikel und dass er auch damals im Forum schon Thema war .... ;)

Und ja, natürlich kann ich auch fast alles, was Herr Niggemeier schreibt, so nachvollziehen und unterschreiben; und wenn es nach mir ginge, könnte die EBU am besten noch heute die Rückkehr zum "alten" System ab dem Jahr 2018 verkünden. Wobei ich aber auch sagen muss: Dass es so lange wie möglich spannend bleibt, wer gewinnt, halte ich aus Zuschauersicht trotz allem auch für einen durchaus legitimen Wunsch. Das ist ja gerade der angesprochene Zwiespalt, dass man eben die Faktoren "soll eine möglichst detaillierte 'Geschichte' erzählen" und "soll möglichst lange spannend bleiben" irgendwie gegeneinander abwiegen muss. Am besten wäre es eben ein System zu entwickeln, das beides so einigermaßen gewährleisten kann .... wie das aussehen soll, kann ich mir allerdings auch nicht so richtig vorstellen :gruebel:
(ich meine, ich würde mir ja durchaus eine zweieinhalbstündige Punktevergabe angucken, bei der aus allen 42 Ländern einmal oder von mir aus auch zweimal sämtliche Punkte einzeln verlesen werden ... aber ich glaube, das will ich dem Rest der Zuschauer dann doch nicht antun :zahn:)

Frank 67
17.05.2017, 13:47
Ja, natürlich erinnere ich mich an diesen Artikel und dass er auch damals im Forum schon Thema war .... ;)

Und ja, natürlich kann ich auch fast alles, was Herr Niggemeier schreibt, so nachvollziehen und unterschreiben; und wenn es nach mir ginge, könnte die EBU am besten noch heute die Rückkehr zum "alten" System ab dem Jahr 2018 verkünden. Wobei ich aber auch sagen muss: Dass es so lange wie möglich spannend bleibt, wer gewinnt, halte ich aus Zuschauersicht trotz allem auch für einen durchaus legitimen Wunsch. Das ist ja gerade der angesprochene Zwiespalt, dass man eben die Faktoren "soll eine möglichst detaillierte 'Geschichte' erzählen" und "soll möglichst lange spannend bleiben" irgendwie gegeneinander abwiegen muss. Am besten wäre es eben ein System zu entwickeln, das beides so einigermaßen gewährleisten kann .... wie das aussehen soll, kann ich mir allerdings auch nicht so richtig vorstellen :gruebel:
(ich meine, ich würde mir ja durchaus eine zweieinhalbstündige Punktevergabe angucken, bei der aus allen 42 Ländern einmal oder von mir aus auch zweimal sämtliche Punkte einzeln verlesen werden ... aber ich glaube, das will ich dem Rest der Zuschauer dann doch nicht antun :zahn:)

Die arme Lena! Falls sie noch mal die Jury-Präsidentin gibt. Sie war ja schon mit der Punktevergabe von 8/10 und 12 Punkten überfordert.:binweg: Anderseits würde Lenas Punktevergabe dann natürlich besonders unterhaltsam. :zahn: