Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Pussy Riot
Jetzt, wo dadurch endlich mal wieder das Schicksal von politischen Gefangenen thematisiert wird, sollte auch nochmal an Whistleblower Bradley Manning erinnert werden. Die Künstler, die sich für seine Freilassung einsetzen, mögen nicht so bekannt sein, wie jene die jetzt Pussy Riot beistehen, aber sie haben ihm immerhin Songs gewidmet.
Cass McCombs - Bradley Manning (http://www.youtube.com/watch?v=ugUSe_bBd6I)
David Rovics - Song for Bradley Manning (http://www.youtube.com/watch?v=ljh5RRrPHsQ)
Graham Nash & James Raymond - Almost Gone (http://www.youtube.com/watch?v=dAYG7yJpBbQ)
esiststeffen
19.08.2012, 18:42
Was für mich die Grundlage jedweder politischen Debatte darstellen sollte, haben diese jungen Damen leider in keinster Weise erkennen lassen: Respekt und Aufgeschlossenheit gegenüber dem politischen Gegner. Wenn sie etwas an Putins Art zu regieren kritikwürdig finden und Verbesserungsvorschläge haben, sollte man zunächst einmal versuchen das Gespräch zu suchen. So wie das die Mädchen aufgezogen haben (und es war ihre freie Entscheidung, das so und nicht anders zu tun), war das doch von vornherein nur als eine Art ideeller Stinkefinger für Putin und die Kirche und die Werte, für die sie stehen, gedacht. Ich bin auch nicht religiös und ein überzeugter Laizist, und ich mag vielleicht auch mit dem einen oder anderen Politiker nicht einverstanden sein, aber das gibt mir noch lange nicht das Recht, mich so aufzuführen.
Richtig entsetzt hat mich außerdem der Duktus der Berichterstattung über das Urteil: Ich glaube, es war im ARD-Text, wo es hieß "Das Urteil gegen Pussy Riot hat für Empörung in der freien Welt gesorgt". Ich bin kein Zeitzeuge des Kalten Krieges mehr, aber ich hatte ihn eigentlich bisher für überwunden gehalten.
Doktor Landshut
19.08.2012, 18:47
Ich muss sagen, ich finde die Vorstellung ja herrlich abwegig und zugleich very charming, wenn "Stardust" tatsächlich über diese YouTube-Verbreitung als "Free-Pussy-Riot-Protestsong" gekapert und auf diesem Weg ein Welthit würde :D. Da wäre es mir im ersten Moment sogar fast ein bisschen egal, wie Lena zu dieser "Übernahme" steht - wobei ich da auch wenig Bedenken hätte, dass sie, vielleicht nach anfänglicher Irritation, etwas dagegen hätte.
Das gäbe dann wohl mächtig Stress beim Großvater :X
Is nur so'n blöder Spruch, sorry, aber es scheint tatsächlich so zu sein, dass das revolutionäre lenaeske Prinzip nun auch beginnt, sich auf politische Ebenen auszudehnen, laut SPIEGEL, wie in einem anderen Thread zu lesen ist, gibt es bereits Verwicklungen im Zusammenhang mit der causa Wulff ;)
Was für mich die Grundlage jedweder politischen Debatte darstellen sollte, haben diese jungen Damen leider in keinster Weise erkennen lassen: Respekt und Aufgeschlossenheit gegenüber dem politischen Gegner. Wenn sie etwas an Putins Art zu regieren kritikwürdig finden und Verbesserungsvorschläge haben, sollte man zunächst einmal versuchen das Gespräch zu suchen.
Oh je ... das Gespräch suchen? Wie stellst Du Dir das vor? Beim Kreml klingeln und Putin um einen Termin bitten? Auf dessen "Aufgeschlossenheit" bauen? Are you serious?
So wie das die Mädchen aufgezogen haben (und es war ihre freie Entscheidung, das so und nicht anders zu tun), war das doch von vornherein nur als eine Art ideeller Stinkefinger für Putin und die Kirche und die Werte, für die sie stehen, gedacht. Ich bin auch nicht religiös und ein überzeugter Laizist, und ich mag vielleicht auch mit dem einen oder anderen Politiker nicht einverstanden sein, aber das gibt mir noch lange nicht das Recht, mich so aufzuführen.
Du musst Dir dieses Recht aber notfalls nehmen. Kleiner Hinweis: In der Geschichte menschlicher Gesellschaften ist ja im Laufe der Jahrhunderte neben viel Üblem hin und wieder auch mal Erfreuliches geschehen; Dinge, die man als Fortschritt bezeichnen darf, als Emanzipation, als Befreiung von Unterdrückung. Durch "Gespräche suchen" ist allerdings nichts davon zustande kommen - da mussten die Leute sich immer richtig aufführen, ja gar Verbotenes tun ;). Und ein "Stinkefinger" ist schon in weit weniger repressiven Gesellschaften als der russischen durchaus mal angebracht.
esiststeffen
19.08.2012, 22:40
Für mich ist Rumplärren und Fluchen nun mal nicht unbedingt die angemessenste Form des politischen Diskurses. In meinen Augen sollte dies, wenn überhaupt, nur der aller-aller-allerletzte Ausweg sein, wenn wirklich alle anderen, konstruktiveren Mittel erschöpfend ausprobiert worden sind und nichts gebracht haben. Und keiner von uns wird wohl abstreiten können, dass gerade das Aufmerksamkeitsheischen auch ein ganz wesentliches Motiv für die jungen Russinnen gewesen sein dürfte, um diese Aktion durchzuziehen, und man deshalb lieber gleich die Konfrontation gesucht hat. Genauso wird ihnen auch bewusst gewesen sein, was es für Folgen haben kann (Repressalien einerseits, Verehrung als Märtyrerinnen andererseits). Wobei ich nicht ganz verstehe, warum die offizielle russische Seite diesen ihr zugespielten Märtyrerball auch noch so bereitwillig aufnimmt ..... um noch einmal ein Beispiel aus dem Kalten Krieg zu zitieren: mich erinnert dieser ganze Prozess ein wenig auf die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976, die sich letztendlich auch als Eigentor für die DDR-Regierung erwiesen hat; weit mehr als wenn sie weiterhin einfach über ihn hinweggesehen hätte :X
@esiststeffen: Du scheinst irgendwie davon auszugehen, dass es sich bei "Pussy Riot" und "Putin" um zwei gleichberechtigte Akteure innerhalb eines "politischen Diskurses" handelt, die doch ihre Interessen bitte vernünftig miteinander aushandeln sollten. Es handelt sich aber in einem Fall um den quasi-diktatorischen Staatschef eines autoritären Regimes und einen der mächtigsten Männer der Welt, im anderen Fall um drei machtlose junge Frauen. Was für "konstruktive Vorschläge" hast Du denn im Auge? "Herr Putin, wir finden das nicht nicht okay, dass man in diesem Land als kritischer Journalist umgebracht wird. Wir hätten da ein paar Vorschläge, wie man das anders machen könnte." In einem Unrechtsstaat dieses Ausmaßes soll ein bisschen "Rumplärren und Fluchen", also ein beinah rührend harmloser Mini-Protest, wie die drei ihn durchgezogen haben, der, "wenn überhaupt, aller-aller-aller-letzte Ausweg sein"? Wie bitte?
Warum nehmen Machteliten "Märthyrerbälle" auf? Ganz einfach, weil ihnen die Perspektive der normalen Bürger, der kleinen Leute fremd ist. Selbst dann, wenn sie selbst mal zu den kleinen Leuten gehörten, korrumpiert sie die Macht mit der Zeit. Das Mitgefühl für den Normalsterblichen geht ihnen verloren. Meistens haben Menschen, die nach oben streben, eh nicht viel Empathie.:-!
@esiststeffen: Du scheinst irgendwie davon auszugehen, dass es sich bei "Pussy Riot" und "Putin" um zwei gleichberechtigte Akteure innerhalb eines "politischen Diskurses" handelt, die doch ihre Interessen bitte vernünftig miteinander aushandeln sollten. Es handelt sich aber in einem Fall um den quasi-diktatorischen Staatschef eines autoritären Regimes und einen der mächtigsten Männer der Welt, im anderen Fall um drei machtlose junge Frauen. Was für "konstruktive Vorschläge" hast Du denn im Auge? "Herr Putin, wir finden das nicht nicht okay, dass man in diesem Land als kritischer Journalist umgebracht wird. Wir hätten da ein paar Vorschläge, wie man das anders machen könnte." In einem Unrechtsstaat dieses Ausmaßes soll ein bisschen "Rumplärren und Fluchen", also ein beinah rührend harmloser Mini-Protest, wie die drei ihn durchgezogen haben, der, "wenn überhaupt, aller-aller-aller-letzte Ausweg sein"? Wie bitte?
Signed. Dieser Schauprozess ist imho ein Armutszeugnis für Putin. Drei Frauen wegen dieses Vorfalls 2 JAhre einzusperren, zeigt seine Schwäche deutlich. Ob er das selbst irgendwann merkt?
Drei Frauen wegen dieses Vorfalls 2 JAhre einzusperren, zeigt seine Schwäche deutlich. Ob er das selbst irgendwann merkt?
Das hat er wahrscheinlich schon gemerkt http://www.guardian.co.uk/world/2012/aug/18/pussy-riot-russia-global-protest
Es ist absolut unmöglich, mit einem selbstherrlichen Despoten wie Putin ein "vernünftiges Gespräch" zu führen. Dass er selbst daran überhaupt nicht interessiert ist, lässt sich schon daraus ersehen, dass er kurz nach seiner erneuten Machtübernahme (die er de facto ja nie abgegeben hatte) das Demonstrationsrecht verschärfen ließ, weil es eben zunehmend Demonstrationen gegen ihn gegeben hatte.
Selbstverständlich war die Aktion von Pussy Riot von vornherein als absolute Provokation geplant im Bewusstsein der möglichen Folgen (davon gehe ich jedenfalls aus) - und sie hatten damit Erfolg: Die internationalen Reaktionen sind lauter und deutlicher als beim Niederknüppeln "normaler" Demonstrationen, und auch in Rußland werden die Proteste wohl so schnell nicht abebben.
Und sowas hat ein ehemaliger deutscher Regierungschef mal einen "lupenreinen Demokraten" genannt - eine absolute Schande!
Powered by vBulletin® Version 4.2.0 Copyright ©2026 Adduco Digital e.K. und vBulletin Solutions, Inc. Alle Rechte vorbehalten.