Da will ich noch mal nachhaken: Was genau verstehst du in dem Zusammenhang unter "Star-Attitüde"? Das Bewusstsein, ein Star zu sein bzw. sich als solcher zu fühlen, und in der Öffentlichkeit als ein solcher aufzutreten? Falls diese Interpretation zutrifft: Sagt das tatsächlich etwas darüber aus, inwieweit ein Mensch wirklich ein Star ist oder nicht? Denn nach diesem Kriterium wäre ja wohl z.B. auch der Wendler einer. Für mich ist der kommerzielle Erfolg, aber vor allem auch die damit einhergehende Bewunderung durch und Vorbildwirkung auf die Massen doch ein ganz wesentliches Kriterium für das, was einen Menschen zum Star macht. Ich finde das, was punkrock über Nena geschrieben hat, sehr berechtigt:This quote is hidden because you are ignoring this member. Show Quote
Du darfst Nena gerne für langweilig und untalentiert halten. Aber nicht mal du wirst doch abstreiten können, dass sie die Popwelt ihrer Generation ganz wesentlich geprägt hat und dass ihre Musik auf viele Menschen großen Einfluss hatte. Es dürfte da draußen massenweise Menschen geben, die mit Nenas Songs wesentliche Lebenserinnerungen (den Urlaub in X, die legendäre Party bei Y, den ersten Kuss mit Z, ....) verbinden. Und du darfst Nena selbstverständlich auch für unattraktiv und unglamourös halten, aber dennoch war sie zu ihrer Zeit zweifellos für viele junge Mädchen/Frauen ein Idol, dem sie klamotten-, frisuren- und schminktechnisch nacheiferten.This quote is hidden because you are ignoring this member. Show Quote
Was hingegen Nina Hagen angeht: Ja, mag schon sein, dass sie im Ausland größeren und massenwirksameren kommerziellen Erfolg hatte (aber nicht vergessen, auch Nena gehört zu den ganz wenigen Deutschen, die überhaupt einen echten Hit in den USA landen konnten) – aber ist sie in Deutschland überhaupt je etwas anderes als die schräge "Gottessucherin und UFO-Sichterin" gewesen, die vom breiten Publikum eher als Skurrilität denn als bewunderungswürdiger Star empfunden wird? Welche ihrer Songs (einmal abgesehen von dem 46 Jahre alten und für ihr späteres Schaffen wohl nicht unbedingt beispielhaften "Du hast den Farbfilm vergessen") sind denn überhaupt einem breiteren Publikum bekannt geworden? Wie viele Menschen verbinden Ereignisse wie etwa den ersten Kuss mit der Musik von Nina Hagen? Inwiefern ist sie als Künstlerin (nicht als Selbstdarstellerin) aus der Musik ihrer Zeit auch nach Jahrzehnten nicht mehr wegzudenken? Inwiefern hat sie auf Mädchen und Frauen (im Sinne von "ich möchte so gerne wie Nina sein!!!") stilbildend gewirkt? Damit will ich natürlich nicht abstreiten, dass es Menschen geben mag, die Nina seit Jahrzehnten von Konzert zu Konzert hinterherreisen und ihre Platten rauf und runter hören und sich kleiden und stylen wie sie– aber für ein wirkliches Massenphänomen, für ein Idol einer ganzen Generation (wie ich das bei einem "Star" voraussetzen würde) hätte ich sie zumindest hierzulande nicht gehalten.
Zumindest ihre ersten beiden BRD-Alben, Nina Hagen Band und Unbehagen, gelten bis heute als Meilensteine deutscher Rockmusik. (Ich schreibe "Rock" statt "Pop", weil mir das der passendere Begriff scheint, aber die Platten haben auf ihre Weise durchaus auch Pop-Appeal. Eigentlich ist es ein wilder Stil-Mix, mit Punk hat es musikalisch m.E. aber recht wenig zu tun.) Meiner bescheidenen Meinung nach haben sie diesen Ruf auch zu Recht, ich finde die beide ziemlich super (ein früherer Mitbewohner von mir dudelte sie eine Zeitlang rauf und runter, so hab ich sie kennengelerntThis quote is hidden because you are ignoring this member. Show Quote). Das restliche Werk – also Hagens sämtliche Soloalben – ist mir dagegen so gut wie unbekannt.
Das nur als kurzer Zwischenruf von mir.
(Zu Nena besteht übrigens eine Querverbindung insofern, als zwei Mitglieder der ehemaligen Nina-Hagen-Band – die während der NDW als Spliff reüssierte –, Manne Praeker und Reinhold Heil, die ersten zwei Nena-LPs produziert haben.)
Neben ihrer Extrovertiertheit und als deutsche Protagonistin auf dem Gebiet der Punk-Musik ist mir Nina Hagen in künstlerischer Hinsicht vor allem auch als fantastische Jazz-Sängerin aufgefallen. Unter deutschsprachigen Sängerinnen fällt mir außer ihr nur die 2017 verstorbene Joy Fleming ein, die dieses Genre hierzulande bediente und über Jazz-Kreise hinaus größere Bekanntheit erlangte.
https://www.youtube.com/watch?v=j4w6zQeZ9Tg
PS: Nina Hagen gehört wohl auch zu den seltenen Rocksängerinnen, die eine gründliche Gesangsausbildung genossen haben und daher in unterschiedlichen Genres gleichermaßen zu Hause sind. Schätze, auch Schubert-Lieder dürfte sie draufhaben und auf ihre Art interpretieren, wenn sie Lust dazu hätte. Vor diesem Hintergrund finde ich das Etikett "Popstar" für Nina Hagen nicht unbedingt passend bzw. unvollständig, was ihren musikalischen Output anbelangt.
Geändert von Doktor Landshut (05.05.2020 um 14:39 Uhr)
Für mich ist das hier der absolute Höhepunkt der Rockgeschichte:
Damit krieg ich auch Leute, die wesentlich jünger sind als ich und die Rockmusik für den kulturellen Müllabladeplatz des zwanzigsten Jahrhunderts halten.![]()
This quote is hidden because you are ignoring this member. Show QuoteIch glaube, wir reden hier trotzdem noch ein bisschen aneinander vorbeiThis quote is hidden because you are ignoring this member. Show Quote
Zu Ninas Fähigkeiten als Sängerin und Bühnenperformerin habe ich mich doch gar nicht geäußert! Ich halte es sogar für sehr glaubwürdig, dass sie ein begnadetes musikalisches Talent ist, das viele Genres von Punk über Jazz bis hin zu Schubertliedern meisterlich beherrscht. Ich halte es auch für sehr glaubwürdig, dass sie innerhalb der Szene, in der sie sich bewegt, ein geachtetes und bewundertes Idol ist. Aber dennoch: Selbst wenn ich nach dem verlinkten Video, wenn ich es denn mal anschauen sollte, alle meine Juli-Sachen verbrenne und mir ein Nina-Hagen-Ganzkörpertattoo stechen ließe – mit dem, was ich persönlich unter einem "Star" verstehe, hätte all das noch immer nicht viel zu tun.
Von mir aus kann mein Posting gerne in den "Nina-Hagen"-Thread verschoben werden. Hatte das nur geschrieben, da einige evtl. ihre künstlerische Bandbreite nicht so gut kennen. Die Diskussion darüber, was unter dem Begriff "Popstar" nun genau zu verstehen ist, interessiert mich ehrlicherweise auch nicht so besonders, da dieses Wort im allgemeinen doch sehr inflationär und aus jeweils subjektiven Perspektiven verwendet wird.This quote is hidden because you are ignoring this member. Show Quote
Das ist übrigens ganz famos, vielen Dank für den Hinweis!This quote is hidden because you are ignoring this member. Show Quote![]()
Reinhol Heil hat auch das 3. Nena-Album "Feuer und Flamme" produziert und war Mit-Produzent von "Made in Germany" (2010).
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Jim Rakete nicht zu vergessen
er war sowohl von Spliff und Nina Hagen , als auch von der Nena Band Manager
Noch bekannter ist Jim als Fotograf geworden: https://de.wikipedia.org/wiki/Jim_RaketeThis quote is hidden because you are ignoring this member. Show Quote
Leider kam ihm Lena noch nicht vor die Linse und wird es wohl auch nicht mehr. Wirklich berühmte Fotografen haben Lena (noch) nicht abgelichtet, oder? Dabei ist Sie doch eine der aktuell größten deutschen Popstars. Vielleicht gibt es auch nur noch wenige allgemein berühmte Fotografen.![]()
Geändert von j_easy (05.05.2020 um 17:25 Uhr)
na dann ist Lena eben kein großer deutscher PopstarThis quote is hidden because you are ignoring this member. Show Quote
Das wird aber in letzter Zeit immer wieder behauptetThis quote is hidden because you are ignoring this member. Show Quote
Das wäre vielleicht eine interessante Fotografin für Lena: Ellen von Unwerth
Hier ein Interview mit Ihr:
https://mads.de/was-denkt-fotografin...th-ueber-gntm/
Dieser Text über Hagen auf der MDR-Kultur-Seite passt ganz gut zur Diskussion und weist vielleicht auch auf die begrifflichen Schwierigkeiten hin:
https://www.mdr.de/kultur/themen/nin...tstag-100.html
Gleich im ersten Satz heißt es: "Nina Hagen ist einer der wenigen deutschen Weltstars." Später im Text liest man dann, zur Zeit nach der Auflösung der Nina-Hagen-Band Anfang der 80er: "Nina Hagen selbst etabliert sich als einer der schrillsten Pop-Stars Deutschlands." Den ersten Satz würde ich als völlig richtig bezeichnen, den zweiten als völlig falsch bzw. an der Sache vorbeigehend ("schrill" ist das einzige Wort, das stimmt): Musikalisch erlangte sie, wenn mich nicht alles täuscht, hierzulande für ihre Solo-Sachen nie so viel Aufmerksamkeit (bei weitem nicht) wie für die frühe Band-Phase. "Etabliert" hat sie sich in Deutschland, da liegt @esiststeffen schon nicht falsch, vor allem als die verhaltensauffällige Figur, die von Ufos und vom lieben Gott schwafelt und hin und wieder mal eine Talkshow aufmischt. Zur selben Zeit erfolgte jedoch ihr "international breakthrough" (so die Überschrift des betreffenden Abschnitts im englischen Wiki-Artikel). Ihre internationale Bekanntheit ist etwas, wovon, glaube ich, hierzulande viele Leute schon irgendwie wissen, ohne damit viel anfangen zu können. (Damit steht sie auch in Tradition von Diven wie Dietrich und Knef, denen das deutsche Publikum teils auch immer etwas distanziert, befremdet, ratlos gegenüberstand.)*
* In früheren Postings habe ich Lena gelegentlich auch in eine solche Traditionslinie stellen wollen, was mich jetzt schon etwas ins Grübeln bringt. Das war allerdings auch immer eher als Beschreibung eines Potenzials als eines bereits erreichten Zustands gedacht.
Das scheint ein generelles Problem zu sein. Bands wie Skorpions, Rammstein und Kraftwerk sind weltbekannt. Das weiß man zwar aber es wird einem erst bewusst wenn man sich mit jemand aus dem Ausland unterhält. Es ist vielleicht auch kein Zufall dass sich Heidi Klum und Tom Kaulitz gefunden haben.This quote is hidden because you are ignoring this member. Show Quote